der ferienzauber hat sich gelegt.
die wellen, der ausnahmesituatiion haben sich geglaettet.
nicht alles ist sahne und zuckersuesser karibiktraum.
ich beginne hinter die kulissen zu schauen, hinter die gesichter. ich hinterfrage, was hier lebensrealitaet heisst.
denn was am anfang noch spannend war und neues abenteur hiess, beginnt nun auch fuer mich alltag zu werden. leben. und was ich lebe hinterfrage ich auch … was sich dort zeigt, ist ein bild des schreckens …
dritte welt.
erste welt … zweite welt. leere phrasen, die sich langsam fuellen. was soll das eigendlich heissen?
wer steht ganz vorne … wer ist am anfang der interessen- und informationskette, wer hat oekonomisch die nase vorne. wer hingt hinterher. uninteressant fuer die gewinner im wettkampf. natuerlich erzeugt das neid, missgunst … beim letzten platz.
die technik machts moeglich, dass dir jeden tag unter die nase gehalten werden kann, wie schlecht es dir und wie gut es den anderen geht.
nicht auf den ersten blick ist ersichtlich in was fuer einer welt ich mich bewege. leuchtreklamen und cocacolawerbung weisen mir den weg in eine voellig falsche richtung … sie zeigen auf markenklamotten und dicke jeeps, amerikanische fernsehsender und musik. sie werfen den scheinwerfer auf eine uebereschminkte masse, in klatschenge syntetigklamotte mit englischem aufdruck und minirock gequetscht, highheels und chucks an den fuessen, die haare gelaettet und wenn moeglich blond gefaerbt. der schein wird hervorangend aufrecht erhalten … doch wenn man genauer hinschaut, sieht man die kleinen schoenheitsfehler.
die klamotten sind fehlerware aus europa und amerika. manchmal loesst sich eine locke aus dem haar. die haut bleibt braun, auch wenn man noch so viel sonnencrem auftraegt oder sich mit einem schirm schuetzt. und wenn man nach hause kommt, steht man auf lehmboden … es gab kein geld die waende zu streichen - blanker beton, das wellblaech auf dem dach faegnt wieder an zu rosten und das zimmer wird mit der ganzen familie geteil. privatsphaere gibt es nicht. die waesche muss jeden tag gewaschen werden, denn was man hat ist wertvoll - und so viel hat man nicht. tagsueber gibt es kein wasser und wenn die klospuelung mal funktionert (vorrausgesetzt es gibt eine) dann ist das glueck. die waesche wird per hand gewaschen, jeden tag, eine grossfamilie macht viel dreck. warum wird dreimal am tag gallo pinto (reis und bohnen) gegessen? weil es billig ist und stopft. der fernsehr laeuft rund um die uhr. falls der strom nicht ausfaellt. das passiert gerade jetzt in der regenzeit haeufig. dann geht gar nix mehr, die geschaefte schliessen, die welt wird still, nur der regen trommelt seine lieder und hin und wieder faehrt ein aus den angeln fallendes taxi vorbei.
wem das nicht reicht, diesen altag, wer ihn uebersehen kann … der ist noch nie bus gefahren. aus europa, asien und amerika ausrangiertes schrottplatzmaterial, rostige und loechrige karren, wenn es regnet - dann regnet es eben rein. alte schulbusse aus amerika werden hier fuer den personenverkehr gebraucht. in den usa zu gefaehrlich und zu nichts mehr tauglich, hier werden damit menschen von stadt zu stadt, von arbeit nach hause gebracht. diese gefaehrte tuckeln ueber eigendlich unbefahrbarer strassen, von schlagloechern uebersehen. der buergersteig ist ein einziges loch und ab und an fehlen mal die gullideckel, strommasten die beinah umfallen unter der last der illegalen leitungen, abwasser wird durch die strassen geleitet, der muell tuermt sich an den seiten. hier wird einfach fallengelassen was gerade noch in der hand war. der kanal der sich durch masaya schlaengelt ist eine einzige stinkende, gruene (wirklich eine mischung aus fekaliene und einem giftgruenen muellmix) bruehe. nix da mit recycling - der hausmuell wird einfach verbrannt. alles. plastik, flaschen, papier, eben alles …
oft muss ich mich selbst zurueckholen, aus meinen uebersteigerten erwartungen, von den menschen, von dem leben, von dem miteinander. nur weil man hier praktisch fast alles kriegen kann und die leute chucks tragen, heisst das nicht, dass man diese welten vergleichen koennte. die lebensrealitaet bleibt. der schein truegt.
natur, politik und oekonomie koennen dir jederzeit einen dicken strich durch jede rechnung machen.
man steht eben unten an der informations- und interessenkette.
hier kommt im fernseher nur nachrichten in und um nicaragua: drei blocks weiter ist ein ueberfall passiert - die kamera dabei, dort wurde einen kokainmafiamitglied die haut vom gesicht gezogen - die kamera dabei, eine schlaegerei auf diesem und jenen markt - die kamera dabei, eine horde drogenabhaengiger strassenkinder, die randale machen - die kamera dabei, menschen im krankenhaus, blutende menschen, verhaftete mensche, tote menschen, leichensaecke und die kameras dabei … blut und tod. das bekommst du entgegengeschmettert, wenn du den fernsehr anmachst. ohne wuerde werden hier die toten vorgefuehrt, um noch eine schokierendere nachricht bringen zu koennen. eckelhaft. die familie sitzt dann abends beim essen und zieht sich heraushaengende gedaerme rein. abgestumpfte gesellschaft.
und wenn die nachrichten langweilig werden kommen daemliche telenovelas … weisse, stinkreiche, wunderschoene menschen, die sich den tag mit ihren pseudoproblemen vertreiben.
das heisst hier INFORMATION
alles wird dafuer getan so weltoffen und supercool, wie moeglich zu erscheinen. patriachismus, voellig uebertiebene glauebigkeit und armut kann man aber nicht ueberspielen. die welten sind so unetrschiedlich …
eine frau darf nicht im bekini baden, sie gehen mit klamotten ins wasser … gleichzeitig werden sexstellun in der tageszeitung abgelichtet und je kuerzer der rock der chica desto besser.
jungs und maedchenfreundschaften gibt es nur selten, denn die beiden geschlechter werden nur gemischt um ihre bestimmung zu erfuellen: eine familie zu gruenden. homosexualitaet ist tabu. ich hatte vor kurzem ein gespraech mit freunden und haette fast angefangen zu weinen. gedacht habe ich, dass wir diese verdammt dunklen tage hinter uns gelassen haetten … haben wir nicht ein ganzen jahrhundert dafeur gekaempft, damit liebe nicht mehr abnormal sein kann. homosexualitaet wird nicht akzepiert.
“wenn ich freunde haette, die schwul oder lesbisch waeren, dann wuerde ich sie nicht hassen, aber ich koennte sie nicht ernst nehmen, denn sie sind abnormal … ” (zitat eines ansonsten sehrn intelligenten jungen sozialarbeiters) dann werden stellen aus der bibel zitiert. ich verstehe einen voellig anderen inhalt, als die gleichaltrigen jungen, die da vor mir sitzen und mit glasigen augen von jesus sprechen … nachher werden sie sich “hellboy” anschauen gehen - also “hoellenjunge”.
muss man dazu noch etwas sagen?
hinterfragt wird nichts.
alles ist eben so, wie es ist und gott regelt das schon …
genauso wenig, wie ich und meine gruende hier zu sein hinterfragt werden … weiss keiner, nicht mal meine “freunde”.
es reicht, dass schon wieder eine weisse chela (milchgesicht) hier ist, die halt voll cool in projekten arbeitet. machen ja viele … was dahintersteckt, woher wir kommen, was wir bezwecken, wer wir sind - interessiert nicht wirklich!
anstrengend. oberflaechlich. freundschaft?
das macht mich fertig. wo ich doch gerade nach tiefe und zuneigung und antworten suche. das laugt aus. am ende der letzten tage, war ich einfach fertig mit der welt. die ganze zeit bedorht, immer mit schuzschild … den staendigen anmachen, annaeherungsversuchen, vorderunagen ausgeliefert. immer im mittelpunkt, aber nur weil ich anders aussehe. das unkonsequente arbeiten kommt dazu. alles wird improvisiert und spontan irgendwie hingewurstelt. das kostet aber meistens mehr energie und ist uneffektiefer.
wie selten ich im projekt bin. der lehrer ist krank, feiertag, die busse streiken (naechste woche schon wieder), der regen ist zu stark. die kinder kommen und gehen, wie sie wollen - kontinuitaet kann nicht entstehen … es ist anstrengen. amn schreit gegen einen sturm, der nicht zuhoeren will.
dann geht man abends ins bett und will alles hinschmeissen.
und am naechsten rag, wacht man auf … die tropenvoegel kreischen vor sich hn, am haus laeft eine frescoverkaeuferin vorbei, die sich die seele aus dem leib schreit, yelba steht in der kueche und kocht gallo pinto, du gehst auf die strasse und ueberall tummeln sich kinder, deine nachbarn rufen adios zu und die sonne blinselt durch die wolken. und man macht einfach weiter, nur um abends wieder voellig fertig in die kissen zu fallen …
auch das gehoert zu meinem nicaragua. auch das ist mein leben hier. nicht einfach im moment.